Die zweite Ausgabe der Socialbar widmete sich dem Thema Komplementärwährungen und beleuchtete zwei in Lüneburg lokalisierte Ansätze. Über 20 Gäste folgten den Beschreibungen zum Regiogeld Lunar durch Horst Jäger und der Stundentauschplattform von Manuel Wiedemann und stellten ihrerseits Fragen an die Initiatoren.

Horst Jäger, Mitbegründer des Lüneburger Vereins – Regio Lunar e.V. – führte mit kurzweiligen Filmsequenzen in das Thema Regionalwährung ein und erklärte anhand des historischen Vorläufers – dem Freigeld von Silvio Gesell – , wie im Österreichischem Wörgl in den Anfängen der 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die damalige Weltwirtschaftkrise lokal begegnet wurde. Dieser erfolgsversprechende Ansatz wurden allerdings durch das Einschreiten der Zentralbank nach einem guten Jahr untersagt. Ein Erfolgsmodell aus heutiger Zeit, ist das Regiogeld Chiemgauer, der in über 600 Geschäften der Region einen Umsatz von 1 Million Euro erzielt.
Im Anschluss erklärte Horst Jäger die Funktionsweise des Lüneburger Ansatzes – dem Lunar. Diese lokale Variante des Regiogeldes existiert seit 2010 und ist leistungsgedeckt – das heißt, die Währung ist 1:1 mit dem EURO gekoppelt. Durch das einfache Ausfüllen eines Mitgliedsformulars wird man Vereinsmitglied, kann sein Geld in Euro in Lunar tauschen und in bislang über 36 Akzeptanzstellen in Lüneburg lokale Wirtschaftskreisläufe unterstützen. Die Geldscheine werden in 1,2,5, 10 und 20 Lunar-Scheinen ausgegeben und haben ein halbes Jahr Gültigkeit. Danach kann man sie wieder in Euro umtauschen oder sie verlieren ihren Wert. Dadurch wird erwirkt, dass die Regionalwährung im Vergleich zum EURO eine 4-fache-Umlaufquote erreicht. So funktioniert beispielsweise auch das Bremer Regiogeld Roland.

Ziel des Lunar-Netzwerkes ist es, mittelfristig auf Scheckverkehr umzustellen, so dass die Zahlungsflüsse per Konto und weniger Scheine in Umlauf gebracht werden müssen. Eine der weiteren zentralen Herausforderungen in der kommenden Zeit wird sein, weitere Akzeptanzstellen zu generieren, so dass geschlossene Kreisläufe von Lieferketten entstehen und die Bürgerinnen und Bürgern aus einem attraktiven Angebot auswählen können. Dafür kann der Organisationskreis weitere Unterstützung gut gebrauchen. Das nächste Treffen findet am Dienstag, den 10. Januar 2012 im Weinkontor Wabnitz (am Schrankenplatz) statt. Dass diese Idee unterstützenswert ist, fasste Horst Jäger am Ende zusammen: „Der Lunar ist ein Bekenntnis zur Region und Nachhaltigkeit. Er stärkt die regionale Wirtschaftskraft, verringert Transportwege und ist eine sinnvolle Ergänzung zum EURO.“

Einen ähnlichen – aber radikaleren – Ansatz verfolgt Manuel Wiedenmann mit der von ihm programmierten Stundentauschplattform Emit time (www.emittime.org). Zu Beginn seiner Ausführungen schilderte er seinen bisherigen Berufs- und Lebensweg, um die Motivation für seine Idee zu erläutern: Mit 17 Jahren startete er mit Web-Programmierungen und gelangte über einen Kontakt an den Verlagskonzern Gruner&Jahr. Die in der Branche übliche Bezahlung anhand von festen Tagessätzen – ohne jegliche Erfolgskontrolle – erschien ihm als wenig sinnhafte Entlohnungsform. In jener Zeit verlor Geld für ihn seinen Reiz, bzw. schied dies als Gradmesser für erfolgreiche Arbeit aus.
Daraufhin reifte in ihm die Idee für eine online gestützte Stundentauschplattform. Denn Stundenbasis ist eine Währung, die jedem Menschen identisch zur Verfügung steht: am Tag 24 Einheiten. Mittels Stundenkonto können für Jobs (neben einem EURO-Vergütungssatz) Stunden frei vergeben werden, ohne das für diesen Anteil EURO-Beträge den Besitzer wechseln. Dieser Ansatz ist zunächst auf das soziale Umfeld beschränkt und erlaubt keine globalen Spekulationsblasen. Bei einer intensiven und gewährleisteten Nutzung wären so beispielsweise Pflegestunden im Alter eintauschbar.

Am Ende gab Moderator Thore Debor noch einen Ausblick von Themen verwandten Veranstaltungen im FREIRAUM:Am 08.12. (ab 19h) finden zum ersten Mal die Lüneburger Nachhaltigkeitsgespräche statt und am 17.12. lädt die Zwiebel das erste Mal zum KleiderTauschBasar (17-22h) in die Salzstr. 1.

Thore Debor mit seinen Gästen

Paul Behnke, Thore Debor, Benni Adrion, Dominik Meinhold, Kristin Jordan (v.l.n.r.) Foto: Ernst Bögershausen

Am Montagabend fand die Auftaktveranstaltung der Socialbar in Lüneburg statt. Es fanden sich drei Initiativen auf dem Podium im FREIRAUM ein um das Thema „Faire Getränkeprojekte – Von der gemeinsamen Idee zum florierenden Sozialunternehmen“ zu diskutieren.

Der Sprecher der Socialbar Deutschland, Robert Dürhager, kam aus Berlin angereist, um Begrüßungsworte an die Gäste zu richten. Robert stellte das Konzept vor und hieß die Lüneburger Socialbar in einem Kreis von mehr als 20 Städten willkommen, in denen das Konzept bereits umgesetzt wird.

Die geladenen Gäste waren: Kristin Jordan und Dominik Meinhold von der Kaffeeinitiative Lühnebohne, Benni Adrion von der Wasserinitiative Viva con agua de Sankt Pauli (VCA) sowie Paul Behnke von der fairen Limonade Lemonaid. Sie sprachen über ihre verschiedenen Geschäftsmodelle, Erfolgsfaktoren sowie Stolpersteine für sozial-ökologisch korrekte Getränke.

Paul Bethke stellte gleich zu Beginn seines Vortrages fest: „Fairtrade muss nicht in die Müsliecke neben den Räucherstäbchen stehen. Raus aus dem Reformhaus, rein in die Clubs.

Die Vereinbarkeit von gemeinnützigem Handeln in Verbindung mit wirtschaftlichen Aktivitäten wurde von allen Beteiligten als Schwierigkeit herausgestellt, die jedoch auf unterschiedlichen Wegen bewältigt werden kann. Benni Adrion blickte dabei zurück in die Anfänge von VCA: „In der Startphase war die Frage, wer schneller ist: Privatinsolvenz der Gründer oder Erfolg des Projektes?“ Ein weiteres Fazit: Social-Business = Family-Business.

Drei Herren lauschen Kristin Jordan von der Lünebohne

Drei Herren lauschen Kristin Jordan von der Lünebohne

Sowohl im Gespräch auf dem Podium als auch in der geöffneten Diskussion mit dem Publikum stellte sich die Transparenz der Prozesse innerhalb der Unternehmen und Vereine als entscheidender Punkt für die öffentliche Wahrnehmung dar.

Im Anschluss an die offene Diskussion blieb noch Zeit für einen direkten Austausch mit den einzelnen Initiativen. Bei Kaltgetränken und Kaffee wurde noch bis in spätere Stunden über die Spannungsfeler beim Aufbau von glaubwürdigen Marken diskutiert.

Die nächste Socialbar findet am 28. November im FREIRAUM statt. Horst Jäger (Regiogeld Initiative Lunar) und Manuel Wiedenmann (emit time) werden zum Thema „Komplementär-Währungen – Lokale Ansätze alternativer Ökonomien“ öffentlich über Erfahrungen und Chancen von Projekten zur Stärkung lokaler Wirtschaftskreisläufe diskutieren. Mehr Infos zur Veranstaltung findet ihr unter Termine auf unserer Webseite.